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„Moin!“

Schlagrepertoire, Geschwindigkeit, Spielintelligenz: Sinja Kraus verfügt über viele wichtige Fähigkeiten, um in der Weltrangliste nach oben zu kommen. Woran die 18-Jährige vom TSC Mainz momentan am meisten arbeiten muss, ist die mentale Stärke im Umgang mit eigenen Fehlern.

Als Babak Momeni die Fotos sah, die ihn als Beobachter des Halbfinals der „SiNN Mainz Open“ zeigte, stellte er sich die Henne-und-Ei-Frage: Hatte er so böse dreingeblickt, weil Sinja Kraus gerade dabei war, sich um den Einzug ins Endspiel zu bringen? „Oder hat Sinja ihren Rhythmus verloren, weil sie mein Gesicht gesehen hat?“

Nun, der Cheftrainer des TSC Mainz konnte insofern beruhigt sein, dass seine Mimik nicht der Auslöser der 6:7, 1:6-Niederlage seines Schützlings gegen Marie Benoit war, sondern eine Reaktion auf das, was sich auf dem Platz zutrug. Darauf, dass Kraus zu Beginn des zweiten Satzes damit anfing, sich in den Ärger über ihre Fehler hineinzusteigern und damit nicht mehr aufhörte. Deshalb mochte er später auch ihre Analyse – „der erste Satz war gut, aber danach ist mir das Spiel einfach weggelaufen“ - nicht unwidersprochen stehenlassen.

Gar nichts sei weggelaufen, sagte Momeni, als er sich in das Gespräch der 18-Jährigen SPORTAUSMAINZ.de einschaltete. „Aber wenn du nur noch mit dir selbst haderst, kannst du dich nicht mehr pushen.“ Sich über Fehler zu ärgern, sei in Ordnung, „man darf sich aber nicht selbst runterziehen“.

Vorweggenommenes Finale

Einmal hatten sich Kraus und Benoit bis dahin gegenübergestanden, und dieses Duell war zu einer ganz glatten Angelegenheit zugunsten der Belgierin geraten. „Trotzdem gab es damals

keinen Grund, Sinja zusammenzustauchen“, sagt Babak Momeni, „sie hatte wirklich gut gespielt, aber Benoit war an dem Tag einfach nicht zu schlagen.“

Diesmal lagen die Dinge anders. Die an Position eins gesetzte Spielerin des TK Aachen und die als Nummer drei geführte TSC-Akteurin hatten sich in den ersten drei Runden als Turnierfavoritinnen herauskristallisiert. Und, das machte Kraus‘ Scheitern noch ärgerlicher, die Siegerin dieses Halbfinalmatches durfte davon ausgehen, am Ende des Wettbewerbs den Heiner-Dammel-Gedächtnispokal entgegenzunehmen. Schon deshalb, weil beide ihr Spiel deutlich variabler aufzogen als Benoits spätere Finalgegnerin Natalia Siedliska.

Emotionale Ausbrüche kontrollieren

Einen Durchgang lang bearbeiteten Kraus und die sieben Jahre ältere Belgierin einander auf Augenhöhe, im Tiebreak machten zwei Punkte den Unterschied aus. So ausgeglichen hätte es weitergehen können, doch nach dem dritten Spiel des zweiten Satzes war der Film der Mainzerin gerissen. Statt einer möglichen 2:1-Führung lag sie 1:2 zurück, danach war sie nur noch mit sich selbst beschäftigt. „Ich habe neun, zehn Fehler hintereinander gemacht“, sagte sie später. „Aber das musst du ausblenden. Du darfst nur daran denken, dass du als Siegerin vom Platz gehen willst“, entgegnete der Coach.

Diese mentale Stärke zu erlangen, die Fähigkeit, die emotionalen Ausbrüche zu kontrollieren, „ist momentan unser Hauptthema“, sagt Momeni. Schon eine Woche zuvor sei dieses Manko seiner Spielerin beim A-2-Turnier in Weiler zum Verhängnis geworden, als sie im Halbfinale in drei Sätzen gegen Nastasja Schunk verloren hatte. „Irgendwann muss das klappen.“ Hätte es schon jetzt geklappt, wäre Kraus die heißeste Kandidatin für den Siegerinnenscheck gewesen, davon ist Momeni überzeugt. Sowohl in Weiler als auch beim TSC.

Offensiv und gnadenlos

„Sinja ist eine Topspielerin geworden, was Schläge, Geschwindigkeit und Spielintelligenz angeht“, sagt er. „Sie kann ihre Gegnerinnen schnell lesen und entsprechend spielen. In der Beziehung kann ich ihr nicht mehr viel beibringen.“ Wie offensiv und gnadenlos Kraus agieren kann, demonstrierte sie in ihren ersten drei Matches am Ebersheimer Weg. Abgesehen von kurzen Phasen, in denen sie das Tempo herausnahm, demontierte sie ihre Gegnerinnen regelrecht. Und ihren besten Schlägen ließ sie stets ein lautes „Moin“ folgen – so jedenfalls klang es, wenn Kraus ihr „Come on“ hervorstieß.

Auch in den ersten beiden Turnieren nach der Coronapause habe sie überzeugende Leistungen geboten, sagt Momeni, Bei der Austrian Pro Series der stärksten österreichischen Tennisspielerinnen Ende Juni/Anfang Juli unterlag sie lediglich einmal Mira Antonitsch knapp und zweimal Julia Grabher (einmal knapp, einmal deutlicher) und schnitt mit dem dritten Platz besser ab als erwartet. Und bei den folgenden Österreichischen Meisterschaften drang sie bis ins Finale vor, wo sie sich erneut Grabher knapp geschlagen geben musste. „Aber trotz der Niederlagen waren das waren gute Matches gegen erfahrenere Spielerinnen“, sagt Momeni, „mit etwas mehr Spielpraxis hätte Sinja auch das eine oder andere gewonnen.“

Coronapause gut genutzt

Die pandemiebedingte Unterbrechung der Turnierserien habe Kraus nicht zurückgeworfen, sagt Babak Momeni, nur gestoppt. Letztlich sei die Pause gar nicht ungelegen gekommen, weil dadurch viel Zeit blieb, um an der Physis zu arbeiten. „Sinja hat sich auch in dieser

Hinsicht verbessert, aber sie muss noch schneller, noch stabiler werden, um weiter nach oben zu kommen. Und wann kann man sich schon mal sechs, sieben Wochen komplett auf die Athletik konzentrieren?“

Am Sonntagnachmittag machten sich Trainer und Spielerin auf den Weg nach Slowenien, in Otocec steht Sinja Kraus in dieser Woche im Hauptfeld eines 15.000-Dollar-Turniers. Neben ihrem spielerischen Vermögen wird es dann auch darum gehen, ihre Aggressivität, ihren Biss in jedem Match von Anfang bis Ende an den Tag zu legen. Momenis Tipp: „Wenn sie ihre Gegnerin und deren Bälle respektiert, fällt es leichter, die eigenen Fehler wegzustecken, als wenn sie denkt, sie müsse alles machen und sei für alles verantwortlich.“ Das sei der nächste Schritt, den sein Schützling gehen müsse. Nicht mit sich zu hadern, sondern sich gerade in den schwierigen Phasen selbst anzufeuern.

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