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Nichts verlernt

Nach fünfwöchiger Zwangspause hat Sinja Kraus das Tennistraining wieder aufgenommen. Coach Babak Momeni lobt: „Sie war sofort wieder da.“

Keine Zeit verstreichen ließen Sinja Kraus und Babak Momeni: Gleich am Montag, dem ersten Tag, an dem die rheinland-pfälzische Landesregierung die Corona-Einschränkungen gelockert hatte, standen die Tennisspielerin des TSC Mainz und ihr Trainer wieder auf dem Platz. „Am Anfang war es etwas ungewohnt, aber für die erste Einheit war’s ganz gut“, sagte die Athletin zurückhaltend. Das Urteil des Coaches fiel ein ganzes Stück besser aus: „Sinja spielt, als ob sie durchgehend trainiert hätte.“

Das hatte sie selbstverständlich nicht. Mit Beginn der Kontaktbeschränkungen und der Sportstättenschließung reduzierte sie ihr Training auf all das, wozu es keines Tennisplatzes bedurfte: Laufen, Athletik, Schnellkraftübungen am Vormittag, nachmittags tennisspezifische Übungen, Bauchtraining, ein bisschen Yoga. Immerhin wusste sie Schwester Livia an ihrer Seite, die wegen der Pandemie vorzeitig von ihrer Hochschule im texanischen Waco nach Rheinhessen zurückgekehrt war.

An der Fitness sollte der Wiedereinstieg nach der Coronakrise nicht scheitern – solange Kraus die Muffins, die sie an Wochenenden schon mal backt, nicht alle selbst verspeist… „Wir haben also nicht bei null angefangen“, sagte Momeni, „aber auch spielerisch war sie sofort wieder da.“ In den nächsten Tagen und Wochen will der Trainer mit seinem Schützling alles für eine optimale Vorbereitung auf den Tag X tun. Den Tag, an dem der Turnierbetrieb wieder aufgenommen wird.

„Eigentlich wollte ich durchstarten“

„Nur schlechtes Wetter kann uns jetzt an intensivem Training hindern“, betonte der Coach. „Es sei denn, die Lockerungen werden wieder zurückgenommen, weil zu viele Leute sich unvorsichtig verhalten und die Zahl der Neuinfektionen wieder steigt.“ Deshalb sei es wichtig, die Hygiene- und Abstandsregeln zu befolgen, im Alltag und auf dem Court. „Wir Tennisspieler genießen jetzt natürlich einen gewissen Vorteil gegenüber den meisten anderen Sportarten, aber umso wichtiger ist es, nicht nachlässig zu werden.“

Deshalb sei auch klar, dass es bis auf Weiteres kein Mannschaftstraining geben werde. „Ich darf grundsätzlich nur mit einer Spielerin oder einem Spieler arbeiten“, sagt Momeni. Es sei denn, die Akteure leben in einem Haushalt – wie die Kraus-Schwestern.

„Eigentlich wollte ich dieses Jahr durchstarten“, sagt Sinja Kraus. Derzeit in der Weltrangliste als Nummer 831 geführt, hatte sie sich zum Ziel gesetzt, unter die Top-500 vorzudringen. Dass der Weg dorthin ein langer sein würde, war ihr und ihrem Trainer bewusst, als die Entscheidung fiel, sich nach Kraus‘ im vorigen Jahr absolvierten Abitur ganz auf den Sport zu konzentrieren, eine Profikarriere anzustreben. Niemand konnte seinerzeit ahnen, dass ein neuartiges Virus namens Sars-Cov-2 den Weg fürs Erste versperren würde. Das war auch nach den ersten Turnieren 2020 noch nicht absehbar.

Zuwendungen decken Turnierkosten nicht

Bis dahin lief es, mit Ausnahme der rheinland-pfälzischen Hallenmeisterschaften, gut. An das Niveau im Damentennis hatte die Mainzerin sich schon seit geraumer Zeit herangetastet. „Ich ärgere mich zwar über Niederlagen, aber sie werfen mich nicht um“, sagt sie. „Ich wusste ja, was auf mich zukommt.“

Abgesehen von den Zweitligaspielen mit dem TSC Mainz bestritt sie schon 2018 ihre ersten Turniere bei den Frauen, stieß als Qualifikantin gleich in ein Halbfinale vor und gewann im September eine 15.000-Dollar-Konkurrenz in Antalya.

Mitte 2019 erfolgte der komplette Umstieg weg von der Jugend hin zu den Damen. Ein Wechsel, der mit Kosten verbunden war, denn: „Bei den guten Jugendturnieren bezahlt der Veranstalter alles, bei den Damen muss man Reisen, Unterkunft und Verpflegung selbst finanzieren.“ Und das in aller Regel für zwei Personen; Babak Momeni ist fast immer dabei, ist der Coach verhindert, springt Mutter Claudia Kraus ein. Unterstützung erhält Sinja Kraus zwar vom Österreichischen Tennis-Verband, die Zuwendungen reichen allerdings nicht aus, um die Turnierkosten zu decken. „Dafür kommen meine Eltern auf.“

Teilnahme an nationaler Serie?

Ihr bislang größter Erfolg gelang der noch 17-Jährigen Mitte Februar in Tallinn: Mit dem österreichischen Fed-Cup-Team schaffte sie den Verbleib in der Europa/Afrika-Zone I und

hinterließ dabei einen glänzenden Eindruck. Nicht nur, weil sie mit ihrer Doppelpartnerin Melanie Klaffner den letztlich entscheidenden Punkt bei der 1:2-Niederlage gegen Gastgeber Estland holte.

„Jetzt wäre es wichtig, möglichst bald möglichst viele Matches zu spielen“, sagt Babak Momeni. Schwester Livia bietet sich als Prüfstein an, „wir können aber auch andere Gegnerinnen zu uns einladen“. Und dann gibt es ja noch die Pläne des Deutschen Tennis-Bunds und des Österreichischen Tennis-Verbands mit nationalen Serien die Turnierpause zu überbrücken.

Der DTB will von Juni an eine sechswöchige Serie mit 32 Herren und 24 Damen veranstalten, „Trainingsmatches auf hohem Niveau. Ohne Zuschauer und für den guten Zweck“, wie DTB-Vizepräsident Dirk Hordorff erläutert. Der ÖTV will mit einer vergleichbaren Reihe bereits am 25. Mai beginnen. Als Nummer neun der österreichischen Rangliste dürfte Kraus die Teilnahme daran möglich sein.

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